Design und wie es entsteht – Gestern, Heute, Morgen

Wie entsteht heute „Ingenious Design“ als das perfekte Zusammenspiel von Funktion, Ergonomie und Ästhetik?

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RECARO ist eine Marke im Wandel. Auch das Design der Produkte unterliegt Veränderungen. Was macht RECARO aus, wie entsteht heute „Ingenious Design“ – als das perfekte Zusammenspiel von Funktion, Ergonomie und Ästhetik – und für welche Zukunftstrends werden heute schon Antworten gesucht?

Verantwortliche Designer von RECARO trafen sich zu einem Round-Table-Gespräch in der Stuttgarter Holding.

HARTMUT SCHÜRG (HS) — Wenn ich zurückschaue und mich an meine Anfänge bei RECARO vor etwa 20 Jahren erinnere, das waren ganz andere Bedingungen. Die handwerklichen Möglichkeiten, die Umsetzungsfähigkeiten heute sind viel größer.

FRANK BEERMANN (FB) — Beim Zeichnen entstand mehr im Kopf. Ich musste mir ein möglichst genaues Bild machen. Und je genauer ich dabei war, desto eher konnte ich meine Ideen mit den Kollegen teilen. Heute drücke ich einen Knopf und sehe das Modell dreidimensional.

MICHEL HEIMRICH (MH) — Das Designverständnis als solches hat sich über die letzten Jahrzehnte auch gewandelt. Galt Design in der Vergangenheit noch als elitär und bisweilen als „hübsch aber nicht zu gebrauchen“ sind heute die Leistungen von gutem Design klar auf den Verwender und die Benutzung fokussiert. Die Kunden erwarten nicht nur eine schöne Form, sondern ein gutes Nutzungserlebnis. Dies ist bei Alltagsprodukten wie Auto-, Fluggast- oder Kindersitzen mit langem Lebenszyklus und wechselnde Verwender mit individuellen Ansprüchen besonders anspruchsvoll.

DJUNIANTO   KO   (DK) — Das fertige Produkt ist keine Überraschung mehr – das war früher sicher anders. Die Rechner heute modellieren das bis ins letzte Detail, Stoffe, Leder, Oberflächenmaterialien und Nähte inklusive.

OLIVER FORGATSCH (OF) — Dafür sind wir um einiges schneller. Und genau diese Arbeitsweise sind die Kunden ja gewohnt. Die verlangen Perfektion, und das sehr schnell.

HS — Wir müssen uns heute trotz des Zeitdrucks aber dazu zwingen, die Dinge erst mal komplett zu durchdenken, bevor wir anfangen. Das war früher schlicht notwendig, denn bei dem aufwändigen Arbeitsprozess konnten wir uns das nicht mehrmals leisten. Dies hatte auch zur Folge, dass leblose Perfektion gar nicht erst angestrebt wurde. Denn manchmal sind es eben die Brüche, die ein Produkt menschlich machen. Heute müssen wir uns die Freiheit des Unperfekten erkämpfen.

OF — Präzise Technologien spielen heute eine große Rolle. Der nächste Schritt wird dabei sicher der 3D-Druck sein, der wieder ganz andere Möglichkeiten eröffnet.

FB — Die Angst, Fehler zu machen, ist weit verbreitet. Man will vorab alles absichern. Und was rauskommt, ist oft eine Art Durchschnittsprodukt. Bei uns ist das anders, und das hat ja immer auch den Erfolg von RECARO ausgemacht: dass wir eben keine Durchschnittsprodukte liefern.

OF — Darum geht es sicher. Wobei wir ja nicht einfach einen Sitz liefern – wir liefern Teilsysteme, die anderswo integriert werden. Sie funktionieren aber trotzdem eigenständig. Es geht darum, ein Produkt menschengerecht zu machen. Ich glaube, das ist die große Fähigkeit von RECARO, genau das zu können.

HS — Wir sind natürlich heute in viel größere Organisationen eingebunden als vor 20 Jahren. Wir sind global aufgestellt, und wir haben die Ansprüche der Kunden, die weltweit unterschiedlich sein können. Die Frage ist, wie weit kann und darf man eigentlich dem aktuellen Bedarf des Markts gerecht werden? Um Trendsetter zu sein, muss ich über das hinausgehen, was der Markt heute fordert.

Hartmut Schürg, Chief Brand&Design Officer RECARO Holding

MH — Innovation und Ingenious Design entsteht nicht dadurch, dass man den Kunden fragt, was er möchte, sondern dadurch, dass wir ein Kundenproblem adressieren, für dass es vorher noch keine Lösung gab. Oftmals können unsere Kunden diese Probleme nicht benennen, es ist Aufgabe der Designer, diese zu entdecken.

FB — Schon wenn wir die Anforderungen an ein neues Produkt definieren, muss das Design intensiv mit dem Kunden sprechen. Allerdings verbreitert die Globalisierung das Anforderungsprofil an ein Produkt enorm. Das heißt, wir müssen immer mehr Teile marktspezifisch entwickeln. Denn diesen Weltgeschmack, den Welteinheitsgeschmack, gibt es noch nicht.

MH — Die Möglichkeit, ein Produkt für alle Märkte zu entwickeln scheitert häufig schon an den unterschiedlichen Zulassungsvoraussetzungen, die sich bisweilen widersprechen. Hinzu kommt, dass durch kulturelle Prägungen unterschiedliche Anforderungen existieren.

OF — Im Flugzeugmarkt ist Privacy ein Beispiel, an dem sich die Geister scheiden. Die einen wollen das ganz offen haben, wollen diesen Kontakt zum Nachbarn; da geht es um das Thema Kommunikation. In Asien oder im Mittleren Osten hingegen ist die Privatsphäre extrem wichtig. Wir müssen also eine Plattform anbieten, die modular aufgebaut ist, mit der ich im Zweifel alle Wünsche erfüllen kann.

FB — Es ist ohnehin so, dass man Ikonen nicht planen oder entwerfen können. Ein wichtiger Wert für RECARO ist immer Ergonomie, egal ob beim Auto-, Kinder- oder Flugzeugsitz. Uns geht es darum, die Funktion, den Körper zu stützen, in eine Form zu bringen. Dabei sind wir zu einer bestimmten Formsprache gekommen. Wenn dann die Kunden später erkennen, dass sie das Beste bekommen haben, was es auf dem Markt gibt, dann entstehen Ikonen.

HS — Unsere Marke ist bekannt. Die Gestalter der Automobilhersteller oder der Airlines kommen mit uns nicht nur zu Lösungen. Wir liefern auch Geschichten. Über Geschichten werden Produkte für den Menschen greifbar. Dabei geht es mir nicht um Blabla, sondern um Inhalte. Das war in unserer Historie schon immer so.

FB — Die wichtigen Geschichten erzählen immer unsere Produkte. Der besondere Charakter unserer Autositze beispielsweise ergibt sich daraus, dass wir meistens Schalensitze bauen. Das heißt, wir haben nicht diese Metallstruktur, wo wir pfundweise Schaum draufpacken müssen, um den darauf sitzenden Menschen von dieser scharfkantigen Metallstruktur fernzuhalten, sondern wir können schon die Stützstruktur ergonomisch formen und kommen dort mit sehr dünnen Schaumschichten aus.

OF — In jedem Auto und in jedem Flugzeug hast du ein Platzproblem. Unsere schlanken Sitze sind immer auf den menschlichen Körper ausgelegt. Das spart Volumen und Schaum, und ich habe immer die optimale Unterstützung.

FB — Wenn ich einen Sitz habe, der nicht so viel Platz benötigt, kann ich das Auto theoretisch kürzer bauen. Unsere Bauweise spart bis zu 80 Millimeter an Raum ein.

HS — Für  Aircraft  Seating  haben  wir beim „BL3520“ die Slimline-Rückenlehne mit der hohen Literaturtasche weiter entwickelt. Das hat dazu geführt, dass die Lufthansa zwei Sitzreihen mehr  in  die  A320  gebracht  hat.  Statt zwölf Airbus A320 anzuschaffen, haben sie die Kapazität über unsere Slimline-Sitze erhöht. Das waren 9000 Sitze zusätzlich in der Flotte; gleichzeitig hatten die Passagiere mehr Platz.

MH — Beim Kindersitz ist das ähnlich: Um den Eltern das Tragen zu erleichtern, müssen wir innovative Lösungen bieten, um Gewicht zu sparen. Beim Zero.1 Elite ist dies so gelöst, dass lediglich eine leichte Trageschale für das Baby zum Transport entnommen wird. Das Sicherheitssystem verbleibt im Auto. Wenn also die Mutter die Babyschale heraus nimmt, hat sie ungefähr ein Kilo weniger zu tragen.

FB — Wir beobachten, wie ein Nutzer mit dem Produkt umgeht, sehen, was gut ist und was schlecht, und beginnen dann, das Produkt nach der Funktion aufzubauen. Das ist der Unterschied zur reinen Stilistik, wo es nur um das Aussehen geht. Industriedesign ist mehr. Wir versuchen, mit jedem Projekt das Sitzen neu zu erfinden. Das zwingt uns dazu, uns immer wieder Gedanken zu machen: Was passiert eigentlich beim Sitzen, wie passiert es, wo passiert es, und wie kann ich es verbessern, indem ich immer wieder diese ganze Evolutionskette durchgehe? So komme ich zu den vielen kleinen Lösungen, die ein Produkt besonders machen.

HS — Ingenious Design beginnt vorne, das ist ganz wichtig. Und Ingenious Design ist nicht exklusiv eine Sache der Designer. Ingenious Design ist Unternehmensaufgabe. Unser Design steht für Funktion, Ergonomie und Ästhetik. Die Designer haben in diesem Prozess eine bestimmte Rolle, und die hat natürlich was vom Generalisten. Aber sie muss am Anfang wirken, ganz am Anfang. Die Konzeptphase einer Entwicklung beschreibt 90 Prozent des Erfolgs eines Produkts.

FB — Designer sind in diesem Prozess auch Interpreten. An uns werden Ideen herangetragen, sei es vom Polsterer oder einem Ingenieur. Wir müssen diese Ideen in Bilder umsetzen, und das wiederum beeinflusst die ganze weitere Entwicklung.

DK — In der frühen Phase eines Projekts erleben wir es ja oft, dass bestimmte Alternativen tagelang diskutiert werden. Sobald eine Skizze auf dem Tisch liegt, entwickelt jede Abteilung sehr schnell ein Verständnis, und die Diskussion bekommt ein Ziel. Vor der Skizze ist es oft sehr theoretisch.

HS — Dieses Handwerkliche, von der Skizze übers Modell, das ist ganz entscheidend für die Weiterentwicklung der Ideen und damit für den Erfolg.

DK — Das wird ja in Zukunft nicht weniger wichtig. Zumal wir zum Beispiel in einer alternden Gesellschaft zum Teil ganz andere Anforderungen an unsere Produkte haben werden.

FB — Da geht es dann um die Zukunftsvisionen. Wir haben ja schon besprochen, dass der Designer sowieso immer weit vorausdenken muss.

HS — Das Thema Digitalisierung wird dazu führen, dass wir mehr Assistenzsysteme auch im Sitzen bekommen. Dann das Thema der Kommunikation der einzelnen Elemente miteinander – das Internet der Dinge. Zum Beispiel über Sensoren in Textilien, die Nachrichten übermitteln können und die Crew über den Gesundsheitszustand eines Passagiers informieren. Oder die dem Autofahrer den Tipp geben, mal wieder einen Schluck Wasser zu trinken.

MH  —  Natürlich beschäftigen wir uns bei RECARO Child Safety auch mit Digitalisierungslösungen.  Hier trifft technische Machbarkeit häufig noch auf Skepsis bei besorgten Eltern und gleichzeitig auf Neugier. In dem spannenden Feld ist es oft ein schmaler Grat zwischen sinnstiftendem Mehrwert und technischer Spielerei.  Wir haben für RECARO den Anspruch digitale Lösungen dann anzubieten, wenn Sie einen spürbaren Nutzen für die Kunden bringen. Ein weiteres – vielleicht unerwartetes – Thema ist die alternde Gesellschaft. Wir haben in China gelernt, dass dort vor allem die Großeltern die kleinen Kinder betreuen. Das bedeutet, dass die Handhabung unserer Systeme noch einfacher und intuitiver funktionieren muss. Ein dritter Aspekt sind sicher neue Werkstoffe, mit denen wir Unfallauswirkungen minimieren können oder Textilien, die den Komfort deutlich steigern.

FB — Im Automobilbereich haben wir ähnliche Themen wie im Fluggastbereich: Gewichtsreduktion, Bauraumreduktion bei gleichzeitig immer mehr Funktionen. Dazu eine noch bessere Anpassung des Sitzes an den menschlichen Körper. Eine große Herausforderung wird sicher das autonome Fahren. Dabei habe ich nur noch Passagiere, da werden neue Aufgaben auf uns zukommen.

DK — Und wir müssen darauf achten, dass wir immer den Menschen im Mittelpunkt behalten, das hat uns erfolgreich gemacht. Wenn die Airlines mehr Plätze verkaufen wollen, muss der Gast trotzdem noch gut sitzen. Diesen beiden Ansprüchen müssen wir gerecht werden.

HS — Wir wollen auch in Zukunft die große Marke für das mobile Sitzen sein. Natürlich sehen wir, dass wir Fähigkeiten haben, die man auch woanders einsetzen kann. Wir können über Ergonomie dem Körper Haltung geben und die Leistungsfähigkeit des Nutzers erhöhen. Wir können ihn in Extremsituationen schützen. Wir gestalten ästhetische Produkte, die eine hohe Anziehungskraft ausüben, und Funktionen, die das ästhetische Versprechen hochwertig und dauerhaft einlösen. Entscheidend ist, dass die Marke nie verwässert werden darf. Wenn das gewährleistet ist, kann ich mir schon vorstellen, dass wir auch außerhalb des Sitzens relevante, glaubhafte Lösungen anbieten.

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